Interview mit Malte und Eike von VERSENGOLD

Die SZENE traf die Band Versengold am 6. April vor ihrem Konzert in der Kieler Pumpe.

SZENE: Ihr seid mit dem Album Funkenflug in den deutschen Album Charts auf den vordersten Plätzen vertreten. Was hat sich mit dem Erfolg für die Band geändert?

 

Malte: Im Grunde genommen ändert sich gar nicht so viel im Leben eines Musikers. Wir leben schon seit ein paar Jahren von der Musik und machen im Jahr 60 bis 70 Konzerte.

 

Was sich natürlich jetzt geändert hat ist, dass die Hallen größer geworden sind, dass das Publikum mehr geworden ist. Aber das ist ein stetiger Anstieg von Jahr zu Jahr gewesen. Wir haben auch vor der „Funkenflug“ schon einmal gechartet, das haben ja viele nicht auf dem Schirm. Auf Platz 22 mit der „Zeitlos“ davor. Das letzte Album ist jetzt natürlich das erfolgreichste Album und ja klar, das ist natürlich eine schöne Sache. Man hat das Gefühl immer mehr reinzukommen in diese Welt auf der Straße und in das Touring, man kann seinen Lebensunterhalt davon bestreiten und sich nur noch auf seinen Spaß konzentrieren, auf die schöne Sache Musik zu machen.

 

SZENE: Finanziell sah es dann lange auch nicht so rosig aus, oder?

 

Malte: Nee, tatsächlich nicht. Also wenn man Musik macht – das gilt glaube ich für alles Szenen, egal wo man herkommt – dann muss man sich erstmal ganz schön durchbeißen. Und das ist auch der richtige Weg meiner Meinung nach, denn wenn man sich einmal durchgebissen hat, dann weiß man das alles auch zu schätzen.

 

SZENE: Eike, wie lange bist du jetzt dabei?

 

Eike: Ich bin seit Anfang 2015 in der Band.

 

SZENE: Da war die Band ja schon weiter weg vom Mittelalter Folk. Ihr nennt das jetzt Deutsch-Folk.

 

Malte: Wir haben eigentlich bei Eike angeklopft. Wir wollten ihn ja haben, wir wollten umstellen und Schlagzeug und Bass mit dazunehmen und haben uns für Eike entschieden.

 

Eike: Ja, als ich in die Band kam, war die quasi schon mitten in der Vorproduktion zum neuen Album. Also viel von dem Material, was auf der Zeitlos Platte drauf ist, das stand auch schon und ich kam dann eigentlich per Zufall in die Band. Und es war tatsächlich auf dem Mittelaltermarkt. Daniel, den Gitarristen, den kenne ich schon so von früher aus Musiker Kreisen aus Osterholz-Scharmbeck, wo wir auch unseren Proben Standort haben, wo die Band zum Teil auch herkommt. Darüber kam mein Einstieg in die Band zustande und dann ging es relativ Schlag auf Schlag los. Ich habe mich dann auch gleich hingesetzt und mit dem Material angefangen zu arbeiten, was  es schon gab. Die Zeitlos Platte war ja vom Genre in anderen Sphären im Gegensatz zu den Platten davor, die die ich kannte. Was für mich auch gut war, da konnte ich mich auch gleich viel besser reinversetzen musikalisch.

 

SZENE: Malte woher kommt dein Fable fürs Mittelalter? Deine Balladen sind fantastisch. Da hört man ein ganz tiefes Gefühlserleben heraus. Was meinst du woher das kommt?

 

Malte: Dankeschön. Mein Faible für historische Geschichten – das geht ja nicht nur aufs Mittelalter zurück, das ist auch alles was in der Vergangenheit lagert, neuzeitliche Geschichte oder auch antike Geschichte – habe ich als Kind mitbekommen. Ich habe früher viele Bücher gelesen, die in diese Richtung gingen, auch viele Sagen von Odysseus über Dietrich von Bern. Das hat mich immer schon sehr stark begeistert. Und das hat Einfluss genommen auf mein Leben, auf meine Jugend. Und diese ganze Begeisterung ging damit los, dass es eine Möglichkeit gab das umzusetzen. Dass wir sowas wie Spontantheater gespielt haben in mittelalterlichen phantasievollen Kneipen. Wir waren aber nie eine historische Band, wir haben uns an einem romantisierten Fantasy Mittelalter bedient. Und ich habe dann Texte geschrieben. Es ging mir darum Märchen zu schreiben und das Ganze dann mit so einem Irish Folk mäßigen musikalischen Mantel zu umgeben. Das hat in der mittelalterlichen Szene dann seinen Platz gefunden. Es gab aber auch zu der Zeit schon ganz andere musikalische Projekte, die wir gemacht haben, ganz normale Pop-Rock Geschichten...

 

SZENE: Wie ist das so, wenn man immer im Tourbus unterwegs ist? Gibt‘s da auch echt schwierige Tage?

 

Malte: Generell ist es so, dass wir ein ziemlich eingespieltes Team sind. Wir haben alle unsere Aufgaben, die wir übernehmen, auch im Alltagsbetrieb. Wir unterstützen uns auch in den Aufgaben, die einzelne haben. Wenn einer eine gute Idee hat für ein Foto oder für eine Szene im Tour Podcast, dann läuft er zu Eike oder das entwickelt sich von selbst. Irgendeinen Blödsinn machen, da ist nichts gestellt, das muss man auch mal dazu sagen. So wie Dienstag: Jetzt gehen die Skifahren, nimm mal die Kamera mit! Das muss natürlich sein. oder man filmt irgendeinen anderen Blödsinn. Das bedingt sich eigentlich in allem, auch den künstlerischen Prozessen und das ist ganz gut. Wir haben das Glück, dass wir eine sehr familiäre Band Situation haben und das seit vielen Jahren schon. Und dass sich Eike und Sean, die jetzt vor zwei Jahren dazu gekommen sind, nahtlos da eingefügt haben – das war aber für uns auch ein Kriterium, als wir die komplett dazu geholt haben. Weil, wie Eike schon sagte, irgendwie kannte man sich ja auch schon und Sean ist ein langjähriger Freund, der Schlagzeuger von Daniel gewesen. Eike war schon bekannt und wir gucken dann, dass das menschliche auch passt, weil es ist eine sehr große Herausforderung als Band, wenn nicht sogar die größte, dass man, wie hier, auf so einem engen Raum über viele Tage zusammen leben muss. Und natürlich hat man seine Konflikte, natürlich muss das irgendwie ausgetragen werden, auch auf einer bestimmten Ebene, da braucht man Menschen mit denen man das kann.

 

SZENE: Eine längere künstlerische Blockade gibt es doch sicherlich auch mal, oder? Das kann ja nicht immer fließen...

 

Malte: Na ich würde mal sagen, wir haben eigentlich immer zu viele Ideen… Wenn wir einen Song machen, ich z.B. einen Text schreibe, dann gebe ich den in die Runde und dann treffen wir uns. Und dann kommen halt drei Leute mit drei verschiedenen Ideen an und dann wird erstmal diskutiert, was wir jetzt weiter verfolgen. Die sind eigentlich alle meistens ganz gut und dann muss man sich entscheiden. Ich sehe das als einen großen Vorteil, nämlich dass wir durch diese Konflikte, wenn wir die lösen, ja auch immer ganz großartige Ergebnisse rausbekommen. Gerade in diesen Studio Phasen, dadurch dass Eike ein bisschen was aus der progressive oder sonst was Richtung einbringt, dass Sean so ein bisschen poppig ist – der eine so ein bisschen mehr mit dem Schlager denkt, der andere aus der Balkan /Irish Folk Szene kommt – dann haben wir so eine riesige Masse an Kreativität, die irgendwie verarbeitet werden muss. Und dann wird gezankt und wir hauen uns die Köppe ein, musikalisch. Und am Ende haben wir dann ein Ergebnis, was wir alle gut finden und dann wissen wir: So soll‘s sein! Diesen Prozess haben wir bisher immer irgendwie zum Erfolg gebracht. Wenn das nicht gehen würde, würden wir das Lied auch verwerfen, würden an einem neuen arbeiten, weil wir alle zufrieden sein wollen mit dem was wir machen.

 

SZENE: Ihr habt ja ganz spezielle Instrumente. Erklärt den Szene Lesern doch mal was das für Instrumente sind und wie ihr die so einsetzt.

Eike: Das besonderste Instrument ist auf den ersten Blick das von Alex, würde ich sagen. Das ist die Nyckelharpa oder Schlüsselfidel, wie sie auch genannt wird. Also Alex kann darüber besser was erzählen, da ist er eher der Experte. Das ist ein altertümliches Streichinstrument, was er seit Anfang an spielt, auch im Wechsel mit der Geige. Wir haben ja auch noch Flo, den Geiger, und ab und zu spielen wir dann auch zwei Geigen. Dann Geige Nyckelharpa, die Konstellation wechselt. Und die Nyckelharpa hat einen ganz besonderen, eigenen, schönen Klang, sehr hallig. Das ist etwas, was im Versengold Sound immer so eine schöne Nuance mit reinbringt. Das passt perfekt rein in den Gesamtsound.

 

Malte: Wir haben ja mittlerweile auch sowas wie ein Hackbrett auf der Bühne für 1 bis 2 Songs. Im Studio experimentieren wir sehr viel rum, das haben wir schon immer gemacht. Wir haben das Glück, dass wir sehr viele tolle Musiker in der Band haben, die halt sehr viele Instrumente spielen können. Nehmen wir mal Alex als Beispiel, der auch gelernter Organist ist und der Laute spielen kann, arabische und indische Esraj Geige oder wie das Ding heißt. Wir wollen uns da überhaupt nicht limitieren. Wenn wir eine CD produzieren und einen Song machen, dann gucken wir halt was passt und was gibt es für Ideen – schwingende Gläser oder sonst was – und dann nehmen wir das auf. Wenn wir auf Tour gehen muss es dann ein bisschen minimalistischer vonstattengehen, weil wir ja nicht 1000 Instrumente mitnehmen können. Dann müssen wir uns entscheiden, aber der Versengold Sound soll halt auch möglichst einzigartig sein. Und darum werden in Zukunft auch immer alls mitnehmen, was ihn einzigartig macht und vor allem dann auch folkig nach vorne bringt. Das sind halt so Sachen wie die Nyckelharpa. Das sind alles Instrumente, die sind alle mehrere 100 Jahre alt, das muss man sich überlegen. Das sind wirklich uralte Instrumente die zusammen gespielt werden und da denkt man, man ist in den Achtzigern auf einmal, wenn die dann zusammen spielen.

 

SZENE: Also ihr seid ja für mich, mit eurer Tiefe und Spielfreude und eurem Können, mit allem einfach, eine sehr sehr große Inspiration. Und ich glaube ja auch, dass ihr im Leben eurer Fans ziemlich viel bewegt. Gibt‘s da ein Feedback von Fans?

 

Malte: Also das ist natürlich wünschenswert. Das ist als Musiker erfüllend, wenn man weiß, dass man was bewegt im Leben von anderen Leuten. Das gibt dem eigenen Schaffen ja auch eine gewisse Sinnhaftigkeit. Und ich habe sehr viel Kontakt mit unseren Hörern und unseren Fans. Auch einen sehr persönlichen Kontakt und ich glaube, dass den Leuten auch klar ist, dass ich relativ viel offenbare in meinen Texten über mich. Ich versuche eine Linie zu halten, dass ich zwar schon privat bin, aber nicht unbedingt intim. Ich möchte z.B. nicht über meine Beziehungspartnerin oder über meinen Familienstatus reden, aber ich möchte schon aus mir heraus persönlich meine Botschaften bringen.

 

SZENE: Ja stimmt, die Frauen sehen immer viele Feen und Geister, aber nie so richtig fassbar.

Malte: Ich glaube ich verschlüssle immer alles ganz gut. Und da gibt es natürlich Geschichten, Parallelen in die Welt und die Lieder sind ja auch über die Jahre entstanden. Und es gibt einige Songs, insbesondere „Haut mir kein Stein“ vom letzten Album, der wahnsinnig viel ausgelöst hat, wo ich wahnsinnig viel Feedback bekommen habe und auch ganz wunderschöne und ganz traurige Geschichten zu bekommen habe. Aber alle waren sie auf eine gewisse Art und Weise so, dass die Menschen was daraus gewonnen haben und das ist etwas, was ich eingangs schon sagte, was mich als Künstler in dem Fall sehr erfüllt. Mir sagt, dass es sinnvoll ist was ich mache. Das ist eigentlich das Schönste am ganzen Job, wenn man merkt, man hat wirklich geholfen. Ich kann eine kleine witzige Geschichte von hier erzählen, das fällt mir dabei gerade ein. Als wir noch ganz klein waren, haben wir in Bordesholm gespielt, einem Dorf in Schleswig-Holstein, und da hat mich ein Mann angesprochen und meinte zu mir: „Du bist die Stimme, die meine Tochter als allererstes auf der Welt gehört hat.“ Und dann meinte ich: „ Ja, wie denn, was denn?“ „Meine Frau hat zur Beruhigung, als das Kind kam, Versengold angemacht und dabei ist unsere Tochter dann auf die Welt gekommen.“ Das geht einem natürlich nahe, dass man da bei einigen Menschen und auch wichtigen Lebensereignissen eine Rolle gespielt hat. Und vor zwei Jahren, als wir auf der Zeitlos Tour hier in Kiel waren, stand auf einmal dieser Mann vor mir mit einem kleinen Mädel, die war 7 oder 8 Jahre alt, und meinte: „Na, weißt du noch wer wir sind?“ Ich wußte es nicht. Und dann hat er mir die Geschichte erzählt und ich konnte mich dran erinnern. Und dann sagte er: „Ja, das ist sie.“ Und sie stand vor mir und sagte: „Hallo, ich kann alle Texte auswendig.“ Das war süß. Das sind natürlich schöne Geschichten.

 

SZENE: Was wir immer schon mal wissen wollten ist – wir sind keine Abstinenzler – aber wir wollten gerne wissen wie hoch der viel besungene Faktor Alkohol in eurem Leben wirklich ist. In den Videos kreisen viele Mineralwasserflaschen und Kaffee – da ist jetzt kein Wodka drin, oder?

 

Malte: Wir trinken ganz gerne mal einen, so ist das nicht. Aber das muss man natürlich alles ein bisschen im Rahmen sehen. Wir touren sehr viel, wir sind sehr viel unterwegs und haben alle eine gewisse Verantwortung auf der Bühne, auch uns gegenüber.

 

SZENE: Nichts ist furchtbarer, als wenn da einer rum taumelt.

 

Malte: Ja genau. Es kann schon mal sein, dass einer von uns zwei, drei Bier vor einer Show trinkt, aber dann ist auch Schluss. Keiner will sich in die Nesseln setzen und eine Show versauen. Er weiß ganz genau, dass die anderen dann Ärger machen. Das ist auch noch nie vorgekommen bei Versengold.

Warum es so viele Trinklieder gibt von Versengold, einmal, weil ich das gerne als Metapher benutze um Dinge zu verpacken. Es gibt ja viele Trinklieder, die haben überhaupt nichts mit Trinken zu tun bei uns, aber ich weiß trotzdem, dass die Festival Leute darauf abgehen. Und wenn dann einer Lust hat sich damit zu beschäftigen, mit dem Text, dann merkt er, dass es ist ja eigentlich gar kein Trinklied ist. Es geht um ganz andere Dinge. Das auf der einen Seite. Und dann haben wir natürlich auch Trinklieder, die so sind und das kommt vom Irish Folk her. Ich war begeisterter Irish Folk Hörer, immer schon, und auch das hat die Musik sehr stark beeinflusst. Wenn man auf Deutsch ein Trinklied macht, kriegt man da ab und zu auch mal ein bisschen Kritik, weil man ja plötzlich versteht was da los ist. Genau deswegen versuche ich da eigentlich auch Metaphern mit rein zu bauen, um noch eine andere Sinnhaftigkeit unterzubringen, damit es nicht so stumpf ist. Aber klar, also wir feiern natürlich gerne und wir trinken auch ganz gerne mal ein Bierchen. Heute ist Tourauftakt und wir werden sicherlich auch noch ein Bierchen trinken.

 

SZENE: Meine letzte Frage ist: Wart ihr eigentlich schon mal in Irland?

 

Eike: Ich nicht. Ich bin trotzdem verliebt in diese Insel, aber leider war ich noch nicht da. Aber es steht auf der To-Do Liste ganz oben sag ich mal, also was Reisen angeht auf jeden Fall.

 

Malte: Eigentlich wollten wir mit der Band ja hinfahren nächstes Jahr, aber das ist jetzt leider aus terminlichen Gründen nicht mehr möglich gewesen. Das war der Plan, aber eigentlich geht es ja ums Flair. Ich war erst letztes Jahr da.

 

SZENE: Danke, dass wir so viel Zeit mit euch hatten.

 

Eike: Gerne, kein Problem.

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