Peter Berthold – Unsere Vögel

Orpheusspötter, Schlagschwirl, Grauschnäpper, Raubwürger, Heckenbraunelle: schon die fantasievollen Namen, die wir Menschen den Vögeln geben, zeugen von der großen Bedeutung, die diese Spezies für uns hat. Vögel bezaubern uns mit ihrem vielstimmigen Klang, mit ihrer Farbenpracht, ihrer Anmut in der Luft. Der Ornithologe Peter Berthold verleiht seiner Bewunderung für die Vielfalt der Vogelwelt in seinem neuen Buch ein weiteres Mal Ausdruck. Dabei gehören diese Tiere zu unserem Alltag, wir teilen buchstäblich den Lebensraum mit ihnen. Genau das mache sie aber neben ihrer Schönheit auch noch lebenswichtig für den Menschen, meint Berthold: Wir brauchen sie als Gradmesser unserer Umweltqualität. Wo sie verschwinden, ist für den Menschen Gefahr im Verzug.  

Droht ein „Stummer Frühling“?
Rund 9990 Vogelarten kommen laut Datenerhebung der Weltnaturschutzunion IUCN derzeit auf dem Globus vor, 257 davon brüten in Deutschland. Das klingt viel, aber Zahl und Vielfalt in der Vogelwelt sind in größter Gefahr, meint Peter Berthold im Einklang mit Wissenschaftlern weltweit: In den letzten 150 Jahren verlor allein Deutschland 80 Prozent seines gesamten Vogelbestands. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren für den damals noch recht überschaubaren Schwund die Jagd und der Appetit auf Vögel verantwortlich. Einen signifikanten Schwund gab es erst in der jüngsten Vergangenheit. Allein von 1950-2015, so fasst Berthold verschiedene Zählungen und Studien zusammen, nahm der Bestand der Vögel um rund zwei Drittel ab. Dieser dramatische Befund betrifft sogar einstige „Allerweltsvogelarten“ wie Spatz und Star, die wir in den sechziger Jahren noch als riesige Schwärme über den Getreidefeldern sehen konnten. Allein die Star-Bestände sind in Europa seit den 1960iger Jahren um rund 70 bis 80 Prozent zurückgegangen. Und die Spirale gehe weiter abwärts. So ist das Aussterben vieler uns vertrauter Arten schon jetzt praktisch unabwendbar oder in bedrohlicher Nähe. Eine Schande für jedeKulturnation, die einst den Naturschutz mitbegründet hat, schimpft der Autor.

Droht uns also bald ein „Stummer Frühling“ ohne Zwitschern und Tschilpen? Mit einfachen Korrekturen in der Politik jedenfalls sei der rapide Artenschwund nicht mehr aufzuhalten, konstatiert Berthold. Sind doch die Hauptursachen des Verlusts an Lebensräumen für die Vögel vorallem die negativen Auswirkungen unseres Lebensstils. Sieben Komplexe stellt der Autor heraus und nimmt sie genauer unter die Lupe: allen voran die industriell betriebene Intensivlandwirtschaft, gefolgt von Freizeitindustrie und Verkehr.  

Der renommierte Vogelexperte hat für sein Buch eine Fülle an Zahlen, Fakten und Details aus internationalen Untersuchungen zusammengetragen. Dem leidenschaftlichen Erklärer und Ornithomanen, wie er selbst bekennt, gelingt es, mit vielen detaillierten Beispielen Betroffenheit und ein tieferes Verständnis für die Zusammenhänge zu wecken. Zum Beispiel, dass in den heutzutage dichtbepflanzten Getreidefeldern Vögel „im wahrsten Sinne des Wortes keinen Fuß mehr auf den Boden“ bringen, um dort zu brüten und zu fressen. Abgesehen davon würden sie dank des flächendeckenden Einsatzes von Insektenvernichtungsmitteln ohnehin keinen Käfer und keinen Wurm mehr finden. Hinzu kommt der Einsatz moderner, riesiger Landmaschinen, der Bodenbrütern unter den Vögeln, aber auch Reptilien, Amphibien, Kleintieren wie Junghasen und Mäusen den Garaus macht.  

Nach der Lektüre von Bertholds Buch wird man die aktuelle Diskussion um die Zulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat, das Insekten und Vögeln die Überlebensgrundlage entzieht, mit anderem Verständnis verfolgen. Wobei der Autor den Landwirten selbst keine Schuld zuweist, sie seien vielmehr die Im-Stich-Gelassenen einer falschen Wachstumspolitik. Was auf dem „platt gemachten Land“ nicht mehr zu retten ist, findet sich dafür in vielen Groß-Städten: Mit ihren Parks und Grünflächen tragen sie mittlerweile zum Erhalt der Artenvielfalt bei.  

„Jedem Dorf seinen Weiher“
Ohnmächtiges Lamentieren ist Peter Bertholds Sache nicht. Von der ersten bis zur letzten Zeile seines Buches ist klar: Hier spricht nicht nur der global denkende Forscher, sondern auch ein lokal handelnder Praktiker. Schon Ende der 1980iger Jahre hatte er die Idee zu einer groß angelegten Renaturierungs-Kampagne. Unter dem Motto „Jedem Dorf seinen Weiher“ sollten 10-15 % der jeweiligen Gemeindefläche zu Biotopen umgewandelt werden. Erst 2005 konnte er starten, quasi direkt vor seiner eigenen Haustür: In Billafing am Bodensee ließ er mit Unterstützung der Stiftung des inzwischen verstorbenen Tierfilmers Heinz Sielmann auf einem unwirtschaftlichen Stück Land einen Feuchtgebietskomplex anlegen, bestehend aus einem Weiher mit kleinen Inseln, Schilf, Hecken und Wiesen. Der Erfolg stellte sich binnen kürzester Zeit ein. Allein der Vogelbestand stieg in den rund 10 Jahren seither von 101 Arten auf 179; auch Insekten, Säugetiere, Reptilien und Blütenpflanzen siedelten sich neu an und machten aus der eintönigen Kultursteppe eine Oase für die bedrohte Natur. Aus dem Pilotprojekt ging der „Biotopverbund Bodensee“ hervor, der mittlerweile 100 Teilprojekte in der Region umfasst. Renaturierung lohnt sich!, so Bertholds stolzes Fazit.

„Jeder Gemeinde ihr Biotop“
Doch die Vision des Vogelkundlers - für die er nicht zuletzt mit diesem Buch wirbt - ist größer. Er plant ein Netz aus Schutzgebieten für ganz Deutschland. Unter dem aktualisierten Motto „Jeder Gemeinde ihr Biotop“ soll alle 10 Kilometer ein neuer Lebensraum entstehen, 3000 Biotope insgesamt. Geschätzte Kosten: rund eine Milliarde Euro. Die hält Berthold für erschwinglich und macht den Gemeinden gleich plausible Finanzierungsvorschläge. Sein Optimismus kann sich immerhin auf seine bisher recht erfolgreiche Vorgehensweise gründen, die er für alle potentiellen Nachahmer in einem gesonderten Kapitel erläutert, angereichert mit vielen Tipps und Taktiken.  

Jetzt ist der Startschuss gefallen und Berthold kann in seinem Buch die neueste Entwicklung vermelden: Unter Leitung eben jener Heinz-Sielmann-Stiftung haben sich Vertreter der beteiligten Bundesländer im Februar 2017 beraten. Pilotprojekte starten ab diesem Sommer und 2018 beginnt dann die bundesweite Projektarbeit.

Mitmachen erwünscht
Sein Appell gilt nicht zuletzt den Verbrauchern, den Bürgern. Er wünscht sich, dass sie sich persönlich verantwortlich fühlen, eine „Naturschutzgesinnung“ entwickeln, die nicht bei der Mülltrennung stehen bleibt. Vielmehr müsse klar sein, dass die menschliche Existenz von der Artenvielfalt abhängt. Selbst wenn rundherum  immer wieder Lebensräume für Pflanzen und Tiere zerstört würden, kann hier und dort etwas wieder belebt werden. Dafür gibt der Pragmatiker reichlich Tipps: von der Rasengestaltung am Haus über die Anlage eines Naturgartens bis hin zum Vogelhaus auf dem Balkon. Ganzjährige Vogelfütterung, wiewohl unter Tierschützern durchaus kontrovers diskutiert, ist für ihn geradezu eine moralische Verpflichtung.

Bei all dem hat der streitbare Vogelkundler keine Scheu, sich unbeliebt zu machen: bei Windkraftbefürwortern, bei Hunde- und Katzenbesitzern, die ihren Lieblingen zu viel Freilauf lassen und nicht zuletzt bei seinen eigenen Zunftkollegen. Denen wirft Berthold vor, zu oft als Lobbyisten von Industrie und Politik in Erscheinung zu treten und zu wenig gegen das Artensterben zu unternehmen.  

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