Die Rettung der Zeit

Neues Greta Schloch-Album "Wir sind frei!"

„Alter“ von Greta Schloch ist vermutlich der letzte grosse Novelty-Underground-Hit des zwanzigsten Jahrhunderts. Gerade rechtzeitig, als die letzten D.I.Y./LoFi-Purist:innen ihre Vierspur-Rekorder gegen Computer eingetauscht hatten, macht die Lübecker Künstlerin noch einmal den entscheidenden Punkt, um wieviel mehr die Idee und der richtige Moment die Qualität eines guten Songs definieren als etwa zeitgenössische Klangstandards oder instrumentale Virtuositäten. Obwohl wahrscheinlich nicht selten vorschnell als schräger Humor wegsortiert, ist der Song bis heute allerdings keinen Tag gealtert.

Auf dem berühmten Plattenmeister-Label folgt im Jahr 2000 ihr erstes Album „Jack the Jochen“, das nächste überzeugende Argument für Homerecording und Spontanität; experimentell, verspielt und rasant in den Perspektiven, tauchen zwischen Kurzhörspielen und Songfragmenten immer wieder raffiniert arrangierte Pop-Melodien auf. „Falter“ wird ein kleiner FolgeHit, mit und für Fred Adrett singt sie 2001 „Keine Fraun kein Geschrei“.

Die EP „Bidde“, auf der u.a. eine gelungene Honky Tonk-Version von „Alter“ zu hören ist, nimmt sie 2005 mit Bandunterstützung von Pop 30 auf. Im gleichen Jahr erscheint ihr zweites Album „die nackte Schloch“, das beinahe nahtlos an „Jack the Jochen“ anschliesst und gleich noch ein Bonus-Buch oben drauflegt. In wechselnden Rollen und Stimmen erschafft Greta Schloch erneut und gekonnt eine bunte, lustige Parallelwelt in phantasievoll weitergesponnenen Alltagsbeobachtungen, die immer wieder zu wundervollen Songs mutieren.

Musikalisch macht sich die diplomierte Grafik-Designerin in den folgenden Jahren jedoch rar, widmet sich Spoken Word-Performances, experimentellen Videos, dreht um die sechzig Piddy Jansen-Clips und schreibt ein Spielfilm-Drehbuch, das derzeit noch durch den Irrgarten der hiesigen Filmindustrie wandert.

 

Nach einem gemeinsamen Projekt mit der Band Goldmother bekommt sie schließlich und endlich Lust, sich wieder verstärkt der Musik zu widmen, neue Songs zu schreiben und aufzunehmen. Dass nun das junge Berliner Label Crocodile Tears ihr drittes Album „Wir sind Frei“ veröffentlicht, ist tatsächlich ein Grund zu großer Freude.

 

Die Motivation ist noch immer der Spass am Spiel mit Worten; Geschichten und Situationen aus dem Alltag, wie eine eigenwillige, trotzig optimistische Sicht auf die Welt. Der schöne Quatsch gehört nach wie vor untrennbar dazu, jedoch konzentriert sich Greta Schloch auf „Wir sind frei“ mehr als zuvor auf ihr zweites grosses Talent, wirklich gute Songs schreiben zu können. Die Arrangements sind sorgfältiger, der Klang deutlich besser und runder geworden, ohne dass der Heimstudio-Charme verloren gegangen wäre.

Musikalisch gehen wir auf eine wilde Reise durch die Jahrzehnte und Stile, Barock-und Psychedelic-Pop-Klänge transformieren zu New Wave, Glam Rock, Exotica und Folk House…, wie fliessende Assoziationen, die sich fröhlich um die Songtexte legen.

 

„Starkes großes Mädchen“ ist ein warmes, freundliches Hallo im Karibik-Pop-Gewand, die Einladung, mit Schwung und Melodie in den Tag aufzubrechen, lächelnd und unerschrocken. Das klingt wie eine entspannt aufspielende, Hawaiihemden tragende Band im Strandcafé, und wirklich ist es einer der Songs des Albums, die zusammen mit befreundeten Gastmusikern eingespielt wurden, in diesem Fall (und mehrfach auf diesem Album) mit Andreas Sonnenberger und dem umtriebigen Niklas Kleber, der unter anderem schon mit MIA, Kodak Black, Mark Forster, Badesalz und Annett Louisian gearbeitet hat.

Mit „Tanzende Hydranten“ folgt eine der Single-Auskoppelungen des Albums und der erste Auftritt von Gastsänger Aydo Abay (Blackmail, Ken, Freindz, Musa Dagh…). Psychedelisch und märchenhaft, getragen von raffinierten Gitarrenklängen, schwebt der Song in einen unwiderstehlichen Disco-Groove und zurück, lässt dich vermutlich noch tagelang nach einsamen Hydranten Ausschau halten. Das ist musikalisch und textlich genauso spannend wie erstaunlich rund gelungen; so geht Popmusik und das ist ein Hit.

 

© Luciana Damia

Im Titelsong „Wir sind frei“, erneut mit Aydo Abay, geht es folgerichtig in die Natur: Der Wildbach rauscht, Komm lass uns raus! heisst der Vorschlag, stilecht vorgetragen zu Hippie-Gitarren und Mellotron-Streichern im the Zombies-artigem Arrangement; was, wie alle derartige Referenzen, natürlich reine Unterstellung ist. Bei der Musik von Greta Schloch müssen wir im Gegenteil davon ausgehen, dass sie rein intuitiv entsteht; was jegliche Ähnlichkeiten dem Zufall oder gleich den Zuhörer:innen selbst überlässt; und genau das ist gut.

So erinnert spätestens „Verliebt in das Monster“ daran, dass der wilde, arglose Stilmix selbst ein definierendes Element von Popmusik war und ist.

Und Songs über Monster sind beinahe so alt wie Liebeslieder, ein Zusammentreffen dieser beiden Pole, so fantastisch und naiv das auch anmuten mag, ist schlicht die ganze Magie.

 

An dieser Stelle nochmal mit einer neuen Version ihres eigenen Dauerhits „Alter“ einen draufzulegen, mag als Idee riskant klingen, geht aber voll auf. Als NDW-mäßiger Disco-Song, inklusive Synth-Hooklines (mit ein wenig Unterstützung von Klaus Munzert von K2) und einem Flaschenchor von Gastsänger Van Halving, macht er eine derart gute Figur, dass Crocodile Tears das Ding glatt noch einmal als Single raushaut, in einem dicken Paket mit sechs verschiedenen Versionen. Neben den drei Schloch-Originalen und einem historischem Discokugelmix von „Herbst in Peking“ dürfen wir uns auf zwei nagelneue Remixe freuen, die beim Schreiben dieser Zeilen noch Geheimstatus genießen.

Von da aus öffnet sich das Album, lässt in klassischer Schloch-Tradition Platz für verspielte Songminiaturen („Herr Neuling“, „Es stinkt zum Himmel“…) und Kurzhörspiele („Klar wie Kloßbrühe“, „Bester Nachbar“) und macht unter anderem Lust, das Frühwerk (wieder) zu entdecken. Der Grossteil der Geschichte wird diesmal allerdings in den auskomponierten Songs erzählt.

Für das Weltraumabenteuer „Retter der Zeit“ kommen Gastsänger Tilo Strauß sowie der Labelbetreiber und Musiker Jean D`Auberlaque (Bellerophon Records, Das blaue Palais, Eisberg…) an Bord. Der Sound geht nun eher in den von Country und Folk infizierten Space-Rock der 70er; auf der Pedalsteel-Gitarre zu grossen Aufgaben.

„Du rettest ja die Welt“ ist ein wundervolles Liebeslied und „Monster entdecken Liebe“ bedarf nun wirklich keiner weiteren Erklärung; rund wird die Sache mit einer zweiten Neuinterpretation, der Laut im Auto-Version von „Falter“, dem angemessenem Abschluss eines tollen Albums und einem weiteren Ohrwurm für die Nacht…

 

Der hochgeschätzte Trash-Faktor des Frühwerks hat mittlerweile feinere, subtilere Strukturen gefunden; der Stacheldraht ist noch da, aber der Fokus geht in die Welt drumrum. Greta Schloch ist wieder da, hat ein paar wirklich schöne Songs geschrieben und selbst bei der Auswahl der Gastsänger-und Gitarristen die richtige Wahl getroffen, meine Empfehlung für den Start in jeden Tag. (Doc Schoko)

https://orcd.co/wir-sind-frei

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